Eine alte Weisheit des Marketings sagt, dass schlechte Presse besser ist als gar keine Presse. Die jüngste Entgleisung eines fragwürdigen Studios in Bayern befeuert die Boulevard-Presse und führt zu einer wahren Flut an teils merkwürdigen und teils grotesken Artikeln.

Wenn ich im Netz surfe und Beiträge von Nicht-Tantrikern über Tantra lese, muss ich häufig schmunzeln. Manchmal ist es auch unappetitlich, und meist werden die üblichen Vorurteile in bester Bild-Manier bedient. Gewöhnlich sagen diese Artikel viel mehr über den Autor als über Tantra aus.

Sehr erfrischend sind dann Versuche die Wahrnehmung von Tantra richtig zu stellen. Dieser Artikel bei Yoga-Aktuell ist zwar nicht dem Boulevard zuzuordnen, aber wenigstens würde ich Yoga mittlerweile dem Gemeingut zuordnen.

Immer wieder interesant ist, dass Tantra selbst in seriösen Beiträgen auf Margo Anand reduziert wird. Sicherlich wird im roten Tantra mit sexueller Extase gearbeitet, aber im Gegensatz zu ihrer Ansicht ist sie nicht das Endziel. Genaugenommen ist die Fähigkeit zur Extase nur Ausdruck eines erfolgreichen Renigungsprozesses. Die eigentliche Arbeit fängt dann erst an.

Um so witziger fand ich dann diesen Ratgeber, den man treffend als Do it yourself Tantra bzw. Tantra – mach’s Dir selbst! überschreiben kann. Die vermeintlich kompetente Autorin will den unerfahrenen westlichen Leser in ihrer mittelschweren Anleitung allen Ernstes allein mit Buch und CD auf die Reise schicken. Immerhin erkennt sie: Tantrische Übungen sind nichts für zwischendurch.

Passend dazu fragt auf der Partnerseite jemand, wie man online meditieren lernen kann. Nun, so ist er, der unerfahrene westliche Leser. Ob ihm dieses Video geholfen hätte, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht liegt ihm aber auch diese 10 Minuten Komplettheilung weiter.

Nicht, dass diese willkürlich ausgewählten Videos falsch sind. Im Gegenteil. Im Grunde stimmen sie. Aber, Meditation kommt darin nicht vor. Sie sind ähnlich sinnvoll, wie der seelische Beistand einer App.

Die meisten Fragen und Ratschläge zu Meditation, die im Netz kursieren, wollen den Meditierenden verändern. Der Anfang aller Meditation ist jedoch, sich selbst wahrzunehmen. Wie schwierig das offenbar für den unerfahrenden westlichen Leser ist, zeigt eine Flut von Apps, die den Smartphone gesteuerten Bioroboter mit Weckern vor dem Verdursten schützen. Wer schon Hunger und Durst nicht mehr wahrnimmt, sollte wirklich nicht versuchen, im Blindflug an sich herumzubasteln.

Insofern ist es dann erheiternd, wenn dasselbe Blatt, das tags zuvor fragte: Ist Tantra auch gut für Frauen? nur einen Tag später fragt: Wie bringe ich meinem Mann dieses Tantra bei? Vielleicht hat Sarina Roocks doch eine tiefere Selbsterfahrung gemacht, als sie in ihrem Artikel zugibt. Vielleicht hatte sie nach der Erfahrung aber auch Angst, ganz aus der Beziehungssexualität auszusteigen. Die Empfehlung läuft dann abermals auf ein Buch hinaus. Diesmal eines, das mit wenig Text auskommt.

Aber so gut etwa das Standardwerk von Michaela Riedl ist, ich glaube nicht, dass man Tantra-Massage aus einem Buch erlernen kann. Und Tantra ist so viel mehr, als nur eine erotische Massage. Wenn Dich Tantra jenseits Deiner Phantasien aus Bad Säckingen interessiert, dann kann ich Dir den Besuch eines Einsteigerseminars nur empfehlen. Das muss auch keine 500 € kosten, wie die Bild-Zeitung behauptet. Mit einer Körperreise kannst Du schon für ein Zehntel davon Deine eigenen Erfahrungen sammeln.

Für mein Portemonnaie wäre es wahrscheinlich besser, auch eine App zu schreiben. Die könnte Dich dann täglich fragen, ob Du Dir heute schon etwas Gutes getan hast…

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