Virtualisierung ist ein Modewort. Virtuell ist hip, auch wenn kaum jemand weiß, was es bedeutet. Irgendwas mit dem Internet… oder so. Interessant ist dabei eine Kolumne von Sascha Lobo im Spiegel: Die kommende Virtualisierung.

Virtuell ist etwas, wenn es für etwas reelles steht. Die Cloud für einen eigenen Computer, Freunde bei Facebook für Sozialkontakte, Geld für die Dinge, die man damit kaufen kann, … – ups, Geld ist virtuell?

Geld braucht niemand!

Geld erhält seinen Wert durch das Vertrauen, dass man sich dafür etwas kaufen kann. Geld an sich ist wertlos. Wie im Grunde auch Ersatzgeld mit begrenztem Nutzwert wie Gold und Edelsteine. Man kann es nicht essen, es hält nicht warm, und es ist nicht unterhaltsam. Allein das Vertrauen darauf, dass jemand bereit sein wird, diese Dinge gegen etwas nützliches zu tauschen, verleiht ihnen Wert. Und warum tauscht dieser jemand? Na weil er auch darauf vertraut, dass er es wieder tauschen kann. Niemand braucht Geld!

Schon komisch! Seit einigen Jahren erzählt man uns, dass denen, die den größten Teil all des Geldes schöpfen – nämlich den Banken –, das Geld ausginge. Abgesehen davon, dass das an sich absurd ist, wäre es auch völlig uninteressant. Niemand braucht Geld – Geld ist rein virtuell.

Und doch lassen wir zu, dass uns auf Basis dieser Argumente systematisch immer neue Dinge zugemutet werden, die unsere ganz reale Lebensqualität beeinträchtigen. Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm, pointierte es einst in einem Fernsehinterview. Auf die Frage nach seiner Einschätzung zu den Wertverlusten durch die Finanzkrise antwortete er, dass, wenn er aus dem Fenster sieht, offenbar kein Gebäude, keine Produktionsanlage, … verschwunden sei. Alle realen Werte sind von dem Gerede über virtuelle Krisen gänzlich unbeeindruckt. Es scheint als hätte sich der Vater des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, verschätzt als er die Wirtschaft nur zu 50% der Psychologie zuschlug. Wenn wir es zulassen, kann virtuelles Leid ganze Staaten verheeren.

Zeit ist Geld!

Sascha Lobos zweites Beispiel für mächtige virtuelle Konzepte ist vielleicht noch überraschender: Zeit — jedenfalls jene, die man mit Uhren misst. Noch vor 2 Jahrhunderten wäre unser heutiges Zeitverständnis als realitätsfernes, akademisches Konstrukt verlacht worden. Wir haben uns diesem Konstrukt mehr oder weniger freiwillig dennoch unterworfen. Es sei die Zeit der Naturwissenschaften, der Technik — die Zeit, die Fortschritt erst möglich macht.

Das Konsequente an dieser Zeit ist, dass sie tatsächlich losgelöst von allem Realen fortschreitet. Das Verrückte an dieser vermeintlich naturwissenschaftlichen Zeit ist, dass man mathematisch exakt belegen kann, dass sie im Rahmen der modernen Physik gar nicht existiert! Zeit ist Geld bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz neue Farbe.

Was ist virtuell?

Virtuelles ist etwas, das für etwas steht. Es ist sowas wie ein Modell. Ein Modell, um eine Vielzahl komplexer, meist sozialer Zusammenhänge in eine einfach zu handhabende Form zu bringen. Und wie immer, wenn man etwas vereinfacht, gibt es Grenzen des Modells.

Ein beliebter Fehler ist es Modelle jenseits ihrer Grenzen einfach weiterzuspinnen. Bakterien teilen sich jede halbe Stunde. Gälte das Modell unbegrenzt, wären die versammelten Bakterien schon nach rund 80 Stunden so schwer, dass die Erde zu einem Schwarzen Loch implodierte! Spätestens da läge dann wohl doch eine Grenze.

Dieselbe Wachstumsfunktion liegt auch hinter allen gängigen Wirtschaftsmodellen. Zu Erhards Zeiten hatten diese Modelle recht gut gepasst. Bei einer frischen Bakterienkultur passen sie auch ganz gut. Irgendwann passen sie nicht mehr. Das ist nicht schlimm – das ist notwendig! Davon sterben Bakterien nicht aus, und davon bzw. genau deshalb wird die Welt nicht untergehen.

Leide nicht, weil ein Modell es verlangt!

Die Grenzen eines Modells im Voraus zu ermitteln ist gewöhnlich viel schwieriger, als ein Modell aufzustellen. Es genügt allerdings achtsam zu sein. Achtsam genug, um zu erkennen, dass das Modell etwas anderes vorhersagt, als man in der Welt wahrnimmt, für die es steht. Also achtsam genug, um das Virtuelle am Realen zu messen, statt blind dem vermeintlich einfacheren Virtuellen zu vertrauen. Wenn Dir dann nicht einfällt, wofür Deine Facebook-Freunde, Dein Kontostand oder der vollgepackte Terminkalender konkret stehen, dann dürftest Du die Grenzen des Modells überschritten haben. Und dann?

Dann kannst Du Dich beruhigt mit den Dingen beschäftigen, die Dich Dein Leben genießen lassen. Virtuelles Leid gibt es nur, weil Du darauf vertraust, dass Dir etwas Irreales Leid zufügt.

Aber wie soll etwas, das gar nicht real existiert, Dir Leid zufügen? Leid empfinden, kannst Du nur selbst. Wieso würdest Du das wollen? Ich quäle mich, also bin ich!? Ausnahmsweise halten wir die cartesische Variante – die mit dem Denken – für tantrischer.

Erleuchtung ist die Befreiung vom Leid!

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